Modul 1 · Wahrnehmung · Kernsatz 3 – Wahrnehmung ist kein Wissen
Dieser Satz irritiert oft stärker als die vorherigen.
Denn Wahrnehmung und Wissen werden im Alltag fast selbstverständlich gleichgesetzt.
Was wahrgenommen wird, gilt schnell als bekannt.
Was gesehen wird, als verstanden.
Was benannt wird, als geklärt.
Doch Wahrnehmung weiß nichts.
Sie registriert.
Wissen entsteht erst dort, wo Wahrgenommenes eingeordnet, verglichen, geprüft und stabilisiert wird.
Wahrnehmung selbst leistet das nicht.
Diese Unterscheidung ist zentral — und zugleich unbequem.
Denn Wissen gibt Sicherheit.
Es erlaubt Prognosen.
Es macht handlungsfähig.
Wahrnehmung tut das nicht.
Sie zeigt etwas, ohne zu sagen, wie es einzuordnen ist.
Sie meldet Abweichungen, ohne sie erklären zu können.
Sie macht aufmerksam, ohne bereits Bedeutung zu liefern.
In vielen Kontexten wird diese Offenheit als Defizit gelesen.
Wahrnehmung gilt dann als „noch nicht ausreichend“.
Als Vorstufe, die möglichst schnell durch Wissen ersetzt werden soll.
Doch genau hier liegt ihr Wert.
Wahrnehmung ist der Ort, an dem sichtbar wird, dass das vorhandene Wissen nicht mehr ausreicht.
Sie markiert Brüche.
Irritationen.
Verschiebungen.
Wo Wahrnehmung vorschnell in Wissen überführt wird, wird das Neue häufig übersehen —
nicht, weil es unsichtbar wäre, sondern weil es nicht ins bestehende Raster passt.
Gesellschaftlich zeigt sich das dort, wo komplexe Lagen mit vertrauten Deutungsmustern beantwortet werden.
Begriffe sind vorhanden.
Erklärungen liegen bereit.
Aber sie greifen nicht mehr.
Die Sprache wirkt kompetent.
Doch sie bleibt im Bekannten.
Wahrnehmung dagegen hält aus, dass etwas noch keinen Platz im vorhandenen Wissen hat.
Dieser Kernsatz fordert deshalb keinen Wissensverzicht.
Er fordert eine saubere Trennung.
Nicht alles, was wahrgenommen wird, ist schon gewusst.
Und nicht alles, was gewusst wird, erfasst das, was sich gerade zeigt.
Solange Wahrnehmung nicht mit Wissen verwechselt wird, bleibt Sprache lernfähig.
Wo diese Unterscheidung aufgehoben wird, wird Sprache souverän — und blind zugleich.
© 2026 Anke Schiller. Alle Rechte vorbehalten. www.wort-fee.de
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