Sprache als Orientierung – nicht als Ersatzhandlung

Modul 1 · Wahrnehmung · Kernsatz 1 – Wahrnehmung ist keine Meinung

Sprache ist kein neutrales Transportmittel.  

Sie ist auch kein moralisches Abzeichen und kein Werkzeug zur Durchsetzung von Willen.

Sprache ist ein Orientierungsinstrument.

Bevor gesprochen wird, ist bereits viel entschieden:

  • worauf wir achten,
  • was wir für relevant halten,
  • was wir ausblenden,
  • und was wir nicht mehr benennen können, ohne Unruhe zu erzeugen.

In komplexen gesellschaftlichen Situationen tritt häufig ein Missverständnis auf:

  • Je lauter gesprochen wird, desto größer scheint die Handlungsfähigkeit.
  • Je eindeutiger formuliert wird, desto sicherer scheint die Lage.

Doch Lautstärke ersetzt keine Orientierung. Eindeutigkeit ersetzt keine Klärung.

Wo Sprache ihre orientierende Funktion verliert, beginnt sie, andere Aufgaben zu übernehmen:

  • Sie beruhigt.
  • Sie mobilisiert.
  • Sie verschiebt Verantwortung.
  • Sie erzeugt Zugehörigkeit oder Ausschluss.

All das kann wirksam sein. Aber es ist etwas anderes als Orientierung.

Diese Abhandlung folgt daher keiner Chronologie der Ereignisse und keiner politischen Lagerlogik.

Sie untersucht Sprache nicht nach Absichten, sondern nach Funktionen.

Hierbei stehen drei Funktionen im Zentrum:

  • Wahrnehmung
  • Klärung
  • Sicherung

Nicht als Stufenmodell. Nicht als Methode.

Sondern als notwendige Bedingungen, damit Sprache in unsicheren Situationen überhaupt tragfähig sein kann.

Modul 1: Wahrnehmung

Wahrnehmung ist der am meisten unterschätzte Teil sprachlicher Arbeit. Nicht, weil sie schwierig wäre — sondern weil sie keinen unmittelbaren Effekt verspricht.

Wahrnehmung produziert keine Lösung. Keine Haltung. Kein Statement.

Und genau deshalb wird sie häufig übersprungen.

Kernsatz 1

Wahrnehmung ist keine Meinung.

Dieser Satz wirkt auf den ersten Blick banal. Ist er aber nicht.

Denn in öffentlichen wie organisationalen Kontexten werden Wahrnehmung und Meinung systematisch verwechselt.

  • Was jemand sieht, wird sofort als Position gelesen.
  • Was jemand benennt, als Wertung.
  • Was jemand beschreibt, als Angriff.

Dadurch geschieht etwas Entscheidendes: Die Wahrnehmung wird moralisiert, bevor sie überhaupt artikuliert werden kann.

Wahrnehmung meint zunächst nichts anderes als dies:

  • etwas tritt hervor.
  • Es wird bemerkbar.

Noch ohne Einordnung. Noch ohne Bewertung.

In wissenschaftlicher Perspektive ist diese Unterscheidung gut belegt — und zugleich umstritten:

  • Phänomenologische Ansätze bestehen darauf, dass Wahrnehmung vor der Interpretation liegt.
  • Konstruktivistische Positionen halten dagegen, dass jede Wahrnehmung bereits gerahmt ist.

Beide Positionen haben Recht. Und beide werden oft missverstanden. Denn selbst wenn Wahrnehmung nie vollkommen voraussetzungslos ist, bleibt ein Unterschied bestehen:

  • zwischen dem, was bemerkt wird und
  • dem, was daraus gemacht wird.

Wo dieser Unterschied nicht mehr markiert wird, verliert Sprache ihre Vorspannung.

Sie springt direkt in Bedeutung, Forderung oder Rechtfertigung.

Gesellschaftlich zeigt sich das besonders deutlich in Formeln, die sofort Anschluss erzeugen sollen.

Sätze, die nicht beschreiben, sondern zusammenziehen.

Sie bündeln Erwartungen, Hoffnungen oder Ängste — ohne zuvor zu klären, was eigentlich wahrgenommen wurde.

Die Sprache wird dadurch schneller. Aber nicht genauer.

Und genau hier beginnt das Problem:

Eine Sprache, die Wahrnehmung mit Meinung verwechselt, kann keine Orientierung bieten. Sie zwingt zur Position, bevor überhaupt klar ist, wo man steht.

Wir lassen diesen Satz deshalb bewusst stehen.

Ohne Lösung. Ohne Appell.

Denn Wahrnehmung lässt sich nicht erzwingen. Sie lässt sich nur freihalten.

 

Weiterführende Denkansätze

  • Edmund Husserl, Ideen zu einer reinen Phänomenologie und phänomenologischen Philosophie I
  • Niklas Luhmann, Soziale Systeme

 

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